Der biopsychosoziale Ansatz

In seiner Arbeit „Zur Entwicklung einer beziehungsdynamischen Sicht in der Psychosomatik“ kritisierte Wirsching (1986) dieses Bild einer „idealtypischen Krebsfamilie“ im Sinne von Minuchin, Bahnson, LeShan, und macht die Schwierigkeiten der bisherigen Familienpsychosomatik deutlich:

  1. Die Familienforschung scheiterte an dem Versuch, familiäre Ursachen körperlicher Krankheiten zu ergründen.
  2. Die Familientherapie scheitert an dem Versuch, den Patienten und/oder seine Familie zu einer Veränderung krankmachender Strukturen zu bewegen, an deren Nachweis bereits die Forschung gescheitert ist.

Welche theoretischen Ansätze scheinen besser geeignet, die Bewältigungsstrategien von Familien nach einer schweren Lebenskrise zu unterstützen und dabei ihre gesundheitsrelevanten Kräfte zu erhalten bzw. zu fördern? Im oft ideologisch diskutierten „Dickicht“ zahlreicher familientherapeutischer Ansätze hat sich in den letzten Jahren bei körperlich kranken Kindern und ihren Familien eine ganzheitliche/integrative Fragestellung bewährt, die derzeit vor allem durch Beatrice Wood (1992, 1994) vertreten wird und die eine ausschließlich kausal argumentierende „Familienpsychosomatik“ revidiert (sh.dazu auch Engel 197; Weiner 1992, Küchenhoff 1996; Hauser et al.1996).

Dieser familienzentrierten „Psychosomatik“ liegen folgende Annahmen zugrunde (Wood 1994, Wirsching 1990, Bürgin, 1993):

  1. Betrachten wir Familien unter einem ganzheitlichen ökologischen (psychobiologisch nach Wood) Aspekt ist sie ein „Ausschnitt eines übergreifenden, krankheitsbestimmenden Gesamtfeldes …, dessen biologische, psychologische und soziale Anteile in Wechselwirkung und Austausch miteinander und mit dem Umfeld stehen.“
  2. Familien enthalten vielfältige, kreisförmig ablaufende Prozesse und die Probleme der Krankheitsbewältigung „ziehen weitreichende, die Krankheitsanfälligkeit fördernde Belastungen nach sich. Familiale Konflikte, welche die Krankheitsentstehung fördern, erweisen sich als Hindernis bei der Krankheitsbewältigung. Ein Circulus vitiosus engt die Entwicklungs- und Problemlösungsfähigkeit der Familie zunehmend ein.“
  3. Die Familie organisiert sich bei Einflüssen von außen selbst und gibt sich eine neue Gestalt. Qualitative strukturelle Veränderungen an einem Punkt bewirken „sprunghafte Veränderungen auf allen Ebenen des Gesamtfeldes“, ohne daß das Ergebnis voraussagbar wäre“ (Wirsching, 1993)

Diese neueren Ansätzen einer familienzentrierten Psyschosomatik wenden sich einem Problemlösungsprozeß zu, der sich weniger an den Anzeichen von Störungen und Belastungen, d.h. an der „Pathologie“ orientiert, sondern daran, welche positiven Kräfte und Ressourcen im Patienten, seinem sozialen Umfeld, aber auch im Behandlungssystem vorhanden sind. Darauf bezogene Interventionsansätze sollen Familien unterstützen, ihre gesundheitserhaltenden oder gesundheitsförderlichen Kräfte zu entfalten. Diese Fragestellung sucht nach dem was heilt und hilft, nach der „Salutogenese“, und konzentriert sich weniger auf die Kranheitsentstehungsprozesse, auf die „Pathogenese“. Das Konzept der „Salutogenese“ verschiebt die Aufmerksamkeit auf die vitalen Ressourcen einer Familie und ist nicht an ihren Defiziten orientiert (nicht zu verwechseln mit dem Ansatz des „positiven Denkens). Die Familie ist dabei ein mitmenschliches System, in dem Menschen nicht nur krank, sondern auch gesund werden können.