Der kindliche Krebspatient und seine Familie

Daß bereits 1905 Sigmund Freud bei der Behandlung eines Kranken auf die Einbeziehung der familiären Verhältnisse aufmerksam machte, wird selten angemerkt:

Zitat S.Freud (1905):

„Aus der Natur der Dinge… folgt, daß wir in unseren Krankengeschichten den rein menschlichen und sozialen Verhältnissen des Kranken ebensoviel Aufmerksamkeit schuldig sind wie den somatischen Daten und den Krankheitssymptomen. Vor allem andern wird sich unser Interesse den Familienverhältnissen des Kranken zuwenden…“

Zitat aus dem Tagebuch eines krebskranken Kindes:

„Eigentlich waren alle Tage vor meiner Krankheit super. Ich hatte ein wunderschönes Kinderleben. Ich wußte noch nicht Bescheid über unsere „heile Welt’’. Ich wurde ja immer von meinen Eltern beschützt. Ich wurde keinen Gefahren ausgesetzt.

Als ich dann krank wurde, konnten mich meine Eltern nicht mehr beschützen. Sie waren zwar da, aber sie mußten zusehen, ohne daß sie etwas machen konnten…“

So weit die Worte aus den Tagebuchaufzeichnungen einer 13jährigen Krebspatienten, die in eindrücklicher Weise, die veränderte Situation in der Familie beschreibt. Den Verlust der schützenden Hülle, der Geborgenheit, vor allem jedoch die Hilflosigkeit der Eltern erschüttern die „heile Welt“ der 13jährigen.

Eine Mutter sprach von diesem Einschnitt als einem „Leben vor, und einem Leben nach der Krankheit“. Deutlicher lassen sich die Veränderungen in der familiären Umwelt nicht beschreiben, die meist von heute auf morgen auftreten und innerhalb kurzer Zeit eine Neuorientierung des Familiensystems erfordern.

Mit diesen Bildern familiärer Belastungen möchte ich die praktischen und theoretischen Überlegungen zu einer familienorientierten Betreuung einführen und 2 Bemerkungen voranstellen:

  1. Kinder, nicht nur kranke, brauchen das schützende Umfeld der Familie, um schwere Belastungen ohne traumatische Schädigung zu überstehen.
  2. Das Krankenhaus braucht jedoch auch die Familie, um ein lebensbedrohlich krankes Kind zu behandeln und zu heilen, oder ihm ein Sterben in Geborgenheit zu ermöglichen.

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