Von der Kinder- zur Familienklinik

Ein ganzheitliches familienzentriertes Therapiekonzept erforderte ein Umdenken innerhalb der institutionellen Rahmenbedingungen eines hochtechnisierten Krankenhauses.

Bereits im vorigen Jahrhundert hatte M. Pfaundler (1899) auf psychische Schäden bei Säuglingen, die in Heimen aufwuchsen, hingewiesen. In den 30er Jahren d.Jh. führte vor allem R. Spitz (1965) empirische Studien durch, die zeigen, daß Kinder in Säuglingsheimen eine größere Anfälligkeit gegenüber Infektionen und eine erhöhte Sterblichkeit aufweisen. Bowlby (1961) zeigte, daß ein länger andauernder Entzug der mütterlichen Fürsorge für ein kleines Kind schwere und weitreichende Folgen für seine Persönlichkeit und damit für sein ganzes späteres Leben haben kann. Das englische Psychiaterehepaar Robertson (1974) beschreibt die Phasen des „Protestes, der Verzweiflung und der Verleugnung“, die ein Kind nach der Klinikaufnahme und Trennung von der Mutter durchläuft. Sie forderten daher die Mitaufnahme eines Elternteils in das Krankenhaus (bekannt unter dem Namen des Rooming-in), um Störungen im Seelenleben des Kindes möglichst gering zu halten.

Diese Forschungsergebnisse wurden in England bereits in den 50er Jahren zur Gesetzesgrundlage, die es Eltern ermöglichte, kostenfrei mit ihrem kranken Kind in der Klinik aufgenommen zu werden. Kindertherapeuten wie Anna Freud und Thesi Bergmann (1972) trugen mit ihren Erfahrungen bei kranken Kindern entscheidend dazu bei, das Kinderkrankenhaus in eine humanere Einrichtung zu verwandeln.

Sehr viel später, erst im Laufe der 70er Jahre, lockerten sich auch in Deutschland die bis dahin noch übliche Rigidität in den Kinderkrankenhäusern, die eine Mitaufnahme eines Elternteils untersagte und die lediglich eine z.B. einmal wöchentliche Besuchszeit erlaubte. Heute ist es selbstverständlich geworden, das familiäre Umfeld des Kindes in die medizinische Behandlung einzubeziehen und die Bedeutung der psychosozialen Betreuung für den Heilungsprozeß anzuerkennen. Durch psychosoziale klinische Betreuungsmodelle, praktische familiengerechte Ausstattungen wie Aufenthaltsräume für Angehörige auf der Station, durch Familienwohnungen, Geschwisterbegegnungstätten, Tageskliniken etc. ist dieser Wandel von der „Kinder- zur Familienklinik“ vollzogen und damit die institutionelle Voraussetzung einer familienorientierten Betreuung geschaffen worden (Niethammer 1983, Leidig et al. 1995, Maier 1995; Häberle 1989, 1993, 95).