Zur „Psychosomatik“ der Familie

Ist das, was sich im Seelenleben des Kindes und seiner Familienangehörigen abspielt nur Beiwerk und ohne Einfluß auf die Krankheit? Sind körperliche und seelische Prozesse unabhängig voneinander? Diese Fragestellungen zwingen uns in der Behandlung eines Menschen einer ganzheitlichen Sichtweise in der Medizin zuzuwenden, wie es Viktor von Weizsäcker (1950) bereits forderte, indem wir dem Körper keinesfalls weniger, sondern der Seele mehr Aufmerksamkeit zuwenden müssen: „Nichts Organisches hat keinen Sinn, nichts Psychisches hat keinen Leib“. Er verweist damit nachdrücklich, daß es nicht ausschließlich körperliche, psychische oder sozial kranke Menschen gibt, sondern, daß diese Aspekte in der konkreten Kranheitssituation eines Menschen in unterschiedlicher Gewichtung zusammentreffen. In der Pädiatrischen Onkologie wird dieser integrative Behandlungsauftrag, der gleichermaßen die psychosozialen Aspekte und die Fortschritte der medizinischen Forschung vereint, bereits seit Jahren praktiziert. In der BRD wurde 1989 die psychosoziale Betreuung krebskranker Kinder und ihrer Familien in die Regelversorgung der Krankenhäuser übergenommen, und bereits 1984 die psychosoziale Arbeitsgruppe (PSAPOH) in die rein medizinisch-naturwissenschaftlich ausgerichtete Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie (GPOH) integriert (Siegrist und Koch 1989, Siegrist et al. 1993, Hanwahr 1995.

Für diesen ganzheitlichen/integrativen Behandlungsauftrag in der Pädiatrischen Onkologie möchte ich die Fragestellungen einer familienzentrierten Psychosomatik zugrunde legen und deren Entwicklungen aufzeigen.

Psychosomatische Medizin und Familientherapie sehen traditionellerweise die seelisch bedingten oder mitbedingten Erkrankungen als ihr zentrales Arbeitsfeld an und gehen davon aus, daß in der Familie, als unmittelbar und einflußreichste stützende Umgebung des Kindes, dort auch diese Leiden entstehen können.

Bis heute ist das Modell der „psychosomatischen Familie“ (Minuchin et al.1975) das einzige, das die Ebene der Familie systematisch in die Betrachtung der psychosozialen Faktoren, die bei Krankheiten von Kindern eine Rolle spielen, einbezieht. Doch die Vertreter dieser Fächer wenden sich den körperlichen Leiden kaum oder erst dann zu, wenn ihre „Eingemeindung“ durch den Entwurf einer Theorie der seelischen Bedingtheit dieser Krankheiten gelungen scheint. Von solchen Eingemeindungsversuchen sind auch die onkologischen Erkrankungen nicht ausgenommen. Immer dann, wenn die Naturwissenschaften nicht in der Lage sind, die Ursachen einer Krankheit zu erfassen – und bei den meisten kindlichen Krebserkrankungen sind diese noch unbekannt – entsteht eine Vielfalt von Vermutungen sowohl seitens der angrenzenden wissenschaftlichen Fächer als auch im Laienumfeld, wobei letztere sehr oft psychosoziale oder Umweltaspekte betonen (sh. auch Hinwendung zu „alternativen“ Behandlungsmethoden, Jonasch 19..).

Im Kontext wissenschaftlicher Bemühungen um die Aufklärung von Krebserkrankungen aus psychosomatischer und sozialwissenschaftlicher Sicht vor allem auf die Familie bezogen, möchte ich stellvertretend hier Krebs-Familientherapeuten C. Bahne Bahnson, LeShan (1979, später auch Simonton) nennen, die sehr früh schon eine seelische Entstehungsursache des Krebs proklamiert haben. Ihre Ansicht läßt sich wie folgt umschreiben: Sie gehen davon aus, daß das später krebskranke Familienmitglied einen vorbestehenden schweren Familienkonflikt auf sich zieht und durch seine körperliche Krankheit ausblendet oder sich gleichsam opfert, wenn es nicht gelingt, den zugrundeliegenden Konflikt dem Bewußtsein zugänglich zu machen und entsprechende Veränderungen im Familiensystem herzustellen.

Seit diesem „psychosomatischen Familienmodell“ ist auch die Bezeichnung „Krebsfamilie“ gebräuchlich, deren Eigenschaften wie folgt beschrieben werden: Verwischte innerfamiliäre Grenzen, Starrheit (Rigidität), Isolation gegenüber der Umwelt, stark eingeschränkte Kommunikation, Konfliktvermeidung und Gefühlsunterdrückung, die Dreiecksbildung um den Patienten, stellt eine Konzentration auf das Kind und/oder die Krankheit dar, die von Familien- und/oder Ehekonflikten ablenken soll (Minuchin et al.1978, auch Jackson 1966, Meissner 1966, Titschener 1976).

Diese Sichtweise geht von einem in eine Richtung wirkenden Einfluß aus, durch den die Familienmuster die Krankheit verursachen und damit sehr häufig zu einer Schuldzuweisung an die Familien führt. Hinter dieser Verursachungshypothese steht letztlich die Frage: wer ist schuld an der Krankheit, sind es die Familienkonflikte, oder verursachen die Familienkonflikte die Krankheit? Der klinische Therapeut orientiert sich dabei an den Schwächen und pathologischen Erscheinungen und interpretiert die Muster der Familie voreingenommen als fehlangepaßt, obwohl sie durchaus auch einen adaptiven Wert haben können.

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